Graphematik

Aufgrund des Sprachgefühls, kommt hier ein Komma hin: Das Vorfeldkomma

Die Kommasetzung im Deutschen hat den Ruf, kompliziert und voller Ausnahmen zu sein. Viele sagen deshalb von sich, dass sie Kommas „nach Gefühl“ setzen. Wir schauen uns heute an, was passiert, wenn viele Menschen das gleiche Gefühl bei der Kommasetzung haben und dadurch ein neuer Typ der Kommasetzung entsteht: das Vorfeldkomma. Was das ist und wozu es gut ist, das wollen wir uns jetzt einmal anschauen.

Schon seit mehreren Jahren können wir beobachten, dass vermehrt Kommasetzung an einer ganz bestimmten Stelle in Sätzen auftritt. So zum Beispiel in diesem Tweet des Accounts @HHFlut1962, der die Ereignisse der Hamburger Sturmflut von 1962 nacherzählt (betrieben von der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung).

Hier sind noch zwei Beispiele aus einem Aufsatz von Kristian Berg und Kolleg_innen:

  • Neben dem vielfältigen Sportangebot, bietet die Isla Cozumel auch zahlreiche kulturelle Attraktionen.
  • Studien von Pienemann (1998) zufolge, schwäche der Unterricht in einer zu hohen Profilstufe […] die LernerInnen rückwirkend.

Laut amtlichem Regelwerk benötigtigen die drei Sätze eigentlich kein Komma. Gemein ist den Beispielen, dass es Aussagesätze sind und dass das Komma direkt vor dem gebeugten Verb steht. Es liegt aber weder eine Aufzählung vor, noch steht da ein Nebensatz am Satzanfang. Was also macht das Komma da?

Mit dieser Frage haben sich schon einige Linguist_innen beschäftigt und sie haben dafür die Bezeichnung Vorfeldkomma eingeführt. Wir können mittlerweile auch schon ziemlich gut beschreiben, in welchen Kontexten dieses Komma gesetzt wird und warum.

Warum der Name Vorfeldkomma?

Bevor wir uns die Gründe für diese besondere Kommasetzung angucken, wollen wir aber zuerst einmal klären, was so ein Vorfeld überhaupt ist und was es mit dem Komma zu tun hat. Dafür greifen wir auf das topologische Feldermodell zurück, mit dem der deutsche Satzbau beschrieben werden kann. Das topologische Feldermodell baut auf einer Beobachtung zum deutschen Satzbau auf: Auch wenn man die einzelnen Bestandteile von deutschen Sätzen ziemlich gut verschieben kann, bleiben einige Elemente doch immer an der gleichen Stelle stehen. Den Satz Ich habe dem Vogel einen Keks gegeben kann ich ohne Probleme umstellen zu Dem Vogel habe ich einen Keks gegeben oder auch zu Einen Keks habe ich dem Vogel gegeben. Das Subjekt (Ich) und die Objekte (dem Vogel und einen Keks) kann ich umstellen, aber die Teile des Verbs bleiben immer an der gleichen Stelle. Sie bilden eine sogenannte Satzklammer um den Hauptteil des Satzes. Das können wir gut sehen, wenn wir die Sätze in einer Tabelle darstellen:

VorfeldLinke SatzklammerMittelfeldRechte SatzklammerNachfeld
Ichhabedem Vogel einen Keksgegeben 
Dem Vogelhabeich einen Keksgegeben 
Einen Kekshabeich dem Vogelgegeben 

In der Linguistik nennen wir die Teile des Satzes, die zwischen den Verbteilen stehen, das Mittelfeld. Die Wörter, die vor dem gebeugten Verb stehen, stehen im Vorfeld und die Wörter, die nach dem letzten Verbteil stehen, stehen im Nachfeld. Da stehen häufig Nebensätze. In dem Satz Ich habe dem Vogel einen Keks gegeben, weil er so lieb geguckt hat würde also weil er so lieb geguckt hat im Nachfeld stehen. Ich könnte an dieser Stelle noch sehr viel mehr über das Feldermodell und seine Anwendung sagen, aber für uns ist heute nur interessant, dass in allen drei Sätzen, die wir uns am Anfang angeschaut haben, das Komma immer genau vor dem Verb, also an der Grenze zwischen dem Vorfeld und der linken Satzklammer steht. Es trennt das Vorfeld damit sozusagen vom Rest des Satzes ab.

Das Vorfeldkomma wird aber nicht in jedem Satz gesetzt, sondern es scheint Sätze zu geben, die dafür anfälliger sind als andere. Bei einem Satz wie Ich habe dem Vogel einen Keks gegeben ist das Bedürfnis, ein komma zu setzen, nicht so groß wie beispielsweise bei Trotz des insgesamt ernüchternden Befundes ist Erfreuliches im Detail durchaus zu erkennen. Das ist ein Satz, bei dem man sich ein Komma vor dem Verb schon ganz gut vorstellen kann. Was sind also die Faktoren, die das Setzen des Vorfeldkommas beeinflussen?

Länge des Vorfelds

Je länger ein Vorfeld ist, umso eher wird an dessen Ende ein Komma gesetzt. In einer großen Studie von Kristian Berg und Kolleg_innen (2020) stellt sich heraus, dass das Vorfeldkomma umso häufiger vorkommt, je mehr Wörter vor dem gebeugten Verb stehen. Bei fünf Wörtern im Vorfeld steigt der Anteil von Sätzen mit Vorfeldkomma auf über 0,5 %, bei 7 Wörtern auf 1 % – das klingt erst einmal nicht nach viel. Aber diese Art der Kommasetzung ist ja noch neu und (bislang) regelwidrig. Dass so ein Komma in jedem 200. Satz mit fünf oder mehr Wörtern im Vorfeld auftritt, ist insofern schon mal gar nicht so wenig.

 Normalerweise treten in deutschen Aussagesätzen nur sehr wenige Wörter vor dem Verb auf: In 62 % aller Aussagesätze stehen nur eines oder zwei Wörter vor dem Verb (Ich habe dem Vogel einen Keks gegeben. Mein Bruder will dem Vogel keinen Keks geben). Lange Vorfelder sind also etwas Besonderes. In den meisten Fällen ist so ein langes Vorfeld ein Nebensatz, der mit Komma vom Rest des Satzes abgetrennt wird: Weil er so lieb geguckt hat, habe ich dem Vogel einen Keks gegeben. Deshalb sehen wir hier unterbewusst eine Verknüpfung. Es ist also kein Wunder, dass wir das Bedürfnis haben, auch bei einem Satz wie Trotz des insgesamt ernüchternden Befundes, ist Erfreuliches im Detail durchaus zu erkennen ein Komma zu setzen, obwohl gar kein Nebensatz vorliegt.

Syntaktische Funktion des Vorfelds

Berg et al. (2020) haben sich auch angeschaut, welche Funktion die Wörter im Vorfeld übernehmen können. Dabei haben sie herausgefunden, dass Subjekte so gut wie nie mit Komma abgetrennt werden. Das liegt unter anderem daran, dass es sich bei dem Subjekt häufig um ein einzelnes Pronomen (Ich) oder ein Subjekt mit Artikel und vielleicht noch einem Adjektiv handelt (Mein kleiner Bruder). Auch Objekte wie dem Vogel oder einen Keks lösen im Vorfeld nur selten Kommasetzung aus.

Im Gegensatz dazu wird ein Vorfeldkomma besonders häufig dann gesetzt, wenn im Vorfeld eine adverbiale Bestimmung steht. Das sind Satzteile, die die beschriebene Handlung in der Welt positionieren. Sie beschreiben zum Beispiel die Zeit (Vor dem Frühstück habe ich den Vogel gefüttert), den Ort (Auf der Terrasse habe ich Kekse ausgelegt), die Art und Weise (Ganz schnell habe ich die Kekse ausgelegt) oder den Grund (Aus Mitleid habe ich dem Vogel einen Keks gegeben) der Geschehnisse.

Dass das Vorfeldkomma besonders gern bei adverbialen Bestimmungen auftritt, kann damit zusammenhängen, dass sie auch oft die Form von Nebensätzen annehmen: Statt vor dem Frühstück kann ich auch bevor ich gefrühstück habe sagen und die Bedeutung bleibt die gleiche. So einen Nebensatz trennt man dann ja wiederum ganz regelhaft mit Komma ab: Bevor ich gefrühstückt habe, habe ich den Vogel gefüttert. Warum setzt man aber bei bevor ich gefrühstückt habe ein Komma, bei vor dem Frühstück nicht? Der Unterschied ist, dass in einem Nebensatz immer ein Verb vorkommt (dann setzt man ein Komma), bei der adverbialen Bestimmung vor dem Frühstück aber nicht (dann setzt man kein Komma). Manchmal setzt man also nach einer adverbialen Bestimmung ein Komma und manchmal nicht. Das kann schon mal zu Verwirrungen führen.

Das Vorkommen von Präpositionen

Ein weiterer Faktor ist das Auftreten von Präpositionen: In der Studie von Berg et al. (2020) hat sich herausgestellt, dass Vorfelder, die mit einer Präposition beginnen, in 0,69 % aller Fälle mit Komma abgetrennt sind. Für Sätze, die nicht mit Präposition beginnen, liegt der Wert dagegen nur bei 0,11 %. Das ist schon ein gewaltiger Unterschied!

Nun ist es so, dass die meisten Satzglieder, die mit einer Präposition beginnen, auch die Funktion der adverbialen Bestimmung übernehmen. Subjekte und Objekte fangen nur selten mit Präposition an. Adverbiale Bestimmungen beginnen auch oft mit einer anderen Wortart (heute, hier, deshalb), aber 91 % aller Satzglieder, die mit Präposition beginnen, sind Adverbiale.

Damit liegen hier die gleichen Gründe für die Kommasetzung vor wie bei den adverbialen Bestimmungen: In einem Satz wie Trotz des insgesamt ernüchternden Befundes, ist Erfreuliches im Detail durchaus zu erkennen hat das mit einer Präposition beginnende Vorfeld (trotz des insgesamt ernüchternden Befundes) eine Funktion, die genauso gut durch einen Nebensatz erfüllt werden kann, der ein Komma fordert: Obwohl der Befund insgesamt ernüchternd ist, ist Erfreuliches im Detail durchaus zu erkennen.

Es führen aber nicht alle Präpositionen gleichermaßen zu Kommasetzung. Am häufigsten werden Vorfelder mit Komma abgetrennt, wenn diese die Präpositionen trotz, aufgrund, neben, nach und durch enthalten. Das gilt besonders, wenn Präpositionen wie neben nicht in ihrer räumlichen Bedeutung (Neben dem Keks lag auch ein Apfel) gebraucht werden, sondern in einer textverbindenden Funktion, die verschiedene Teilsätze oder Sätze zueinander ins Verhältnis setzt (Neben dem Füttern von Vögeln verbringe ich meine Zeit mit Linguistik). Diese Art der Verwendung von Präpositionen kommt vor allem in etwas gehobenen Texten vor, also sowas wie Gesetzestexte und argumentative Texte. Und wir wissen, dass in genau solchen Texten häufig sehr lange Sätze vorkommen, die oftmals Nebensätze enthalten. Und so haben wir wieder das Gefühl, dass sich ein Komma da eigentlich ganz gut machen würde.

Wozu das Vorfeldkomma?

Fassen wir also noch einmal zusammen: Das Vorfeldkomma tritt im Aussagesatz direkt vor dem gebeugten Verb auf. Es kommt vor allem dann vor, wenn das Vorfeld besonders lang ist, wenn die Wortgruppe, die dort steht, eine adverbiale Bestimmung ist und wenn eine Präposition darin enthalten ist, die eine textverbindende Funktion hat.

Und warum das Ganze? In einem Satz wie Trotz des insgesamt ernüchternden Befundes, ist Erfreuliches im Detail durchaus zu erkennen, den Berg et al. (2020) als prototypischen Vorfeldkommasatz ausmachen, hat der Teil, der vor dem Verb steht, sehr viele Gemeinsamkeiten mit Vorfeldern, die auch nach amtlichem Regelwerk mit einem Komma enden: Er ist überdurchschnittlich lang, enthält eine Präposition und hat adverbiale Funktion und textverbindende Bedeutung. Kein Wunder also, dass wir unser Wissen darüber, dass lange adverbiale gebrauchte textverbindende Vorfelder mit Präposition häufig mit Komma enden, auch auf die Fälle anwenden, in denen das laut amtlichem Regelwerk nicht der Fall ist!

Zum Weiterlesen:

Kristian Berg, Ursula Bredel, Nanna Fuhrhop & Niklas Schreiber (2020): Was determiniert das Vorfeldkomma? Untersuchungen zur Verteilung einer nicht-standardisierten Kommatierung. In: Linguistische Berichte 261/2020.

Wikipedia-Artikel „Feldermodell des deutschen Satzes“: https://de.wikipedia.org/wiki/Feldermodell_des_deutschen_Satzes (gesehen am 20.02.2022)

Video „Feldergrammatik & Feldermodell: Aufbau eines deutschen Satzes / Satzglieder“ des Kanals Arnold erklärt: https://youtu.be/Tmfviulzvwo (gesehen am 20.02.2022)

2 Kommentare zu „Aufgrund des Sprachgefühls, kommt hier ein Komma hin: Das Vorfeldkomma

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