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Die Abfahrt des Zuges oder des Zugs? Lange und kurze Genitivendung im Vergleich

Heißt es die Abfahrt des Zuges oder die Abfahrt des Zugs? Eigentlich ist die Bildung des Genitivs bei deutschen Nomen im Neutrum oder Maskulinum ganz einfach: Man hängt ein s an den Wortstamm an: der Käsedes Käses. Aber bei manchen Wörtern gibt es auch die Möglichkeit, stattdessen –es als Endung zu nutzen. Zum Beispiel sind sowohl des Zuges als auch des Zugs im Duden aufgeführt. Wir wollen uns heute einmal anschauen, woher diese Variation kommt und welche Faktoren bestimmen, ob ein Wort eher –s oder –es als Genitivendung aufweist.

Die Endung mit s kommt im Deutschen nur für die starken Maskulina (Wörter wie Zug und Baum) und die Neutra (Wörter wie Wasser und Tal) in Frage. Darunter gibt es solche, die den Genitiv im Singular mit der Endung –s bilden und solche, die im Genitiv Singular auf –es enden. Dafür gibt es ein paar Regeln, die wir jetzt einmal durchgehen. Danach schauen wir uns die uneindeutigen Fälle an, bei denen beiden Endungen in Gebrauch sind.

Wörter, die im Genitiv immer –es annehmen

Die kurze Endung ohne e ist im Deutschen ganz klar die häufigere. Nur bei Wörtern, die mit einem s-Laut enden, steht immer die lange Endung. Dabei ist es egal, ob am Wortende wirklich ein s steht oder ein anderer Buchstabe, den man genauso ausspricht: Fluss, Fuß, Kreuz und Jux nehmen alle die lange Genitivendung und werden damit zu Flusses, Fußes, Kreuzes und Juxes. Hier ist also die Aussprache des Wortendes der Grund für die Wahl der Endung: Die kurze Endung ohne e würde man ansonsten bei diesen Wörtern nicht hören, weil sie ja eh schon mit einem s enden.  

Wörter, die im Genitiv immer –s annehmen

Andere Gruppen von Nomen nehmen dagegen immer die kurze Genitivendung ohne e. Wegen der Aussprache betrifft das zum Beispiel Wörter, die auf einen unbetonten Vokal enden wie Papa, Baby, Uhu oder Auto. Man schafft es kaum, diese Wörter mit langer Endung zu sprechen: *Des Uhues und *des Papaes klingt einfach zu seltsam.

Auch Kurzwörter nehmen immer die kurze Genitivendung. Aus Azubi wird Azubis und aus Profi wird Profis. Das liegt wahrscheinlich nicht zuletzt daran, dass viele davon mit einem Vokal enden, obwohl es auch Ausnahme wie Prof (des Profs) gibt, die am Schluss einen Konsonanten haben.

Außerdem tragen noch Nominalisierung immer die kurze Genitivendung ohne e. Wenn wir also aus dem Adjektiv rot das Nomen das Rot machen, dann ist der Genitiv immer des Rots und nie *des Rotes. Der Grund dafür ist, dass wir das Wort nach der Übertragung in eine andere Wortart möglichst wenig verändern wollen, damit man es noch gut wiedererkennen kann. Dieses Konzept ist aufmerksamen Zwiebelfans unter der Bezeichnung Wortkörperschonung bekannt.

Dann gibt es noch eine größere Gruppe von Wörter mit bestimmten Endungen, die immer -s als Genitivendung annehmen: Das betrifft die Endungen –chen, –el, –en, –end, –em, –er, –ling, –ig und –lein tragen. Dazu gehören Wörter wie Engel, Mädchen und Honig.

Anders als bei der Gruppe mit der langen Genitivendung geht es bei diesen Wörtern nicht um die Aussprache des Wortendes. Stattdessen ist der Grund für die Endung mit –s diesmal die Wortlänge. Wir haben bei der Zwiebel schon häufiger darüber berichtet, dass das Deutsche sehr gerne Wörter mag, die zweisilbig sind und auf der ersten Silbe betont sind (WOL-ke, SON-ne, A-bend). Alle Wörter in der Liste haben schon zwei Silben und wenn man daran die Genitivendung mit e anhängt, dann werden sie dreisilbig. Aus Mädchen würde *des Mädchenes, aus Honig würde *des Honiges und diese Extrasilbe klingt für uns merkwürdig.

Ganz früher hatten viele dieser Wörter aber tatsächlich mal die lange Genitivendung. In Texten aus dem 16. oder 17. Jahrhundert findet man zum Beispiel auch Belege für des Vateres und des Abendes. Da hatte sich diese Vorliebe für zweisilbige Wörter noch nicht ganz so stark herausgebildet. Ein Text bei grammis weist darauf hin, dass wir manchmal noch ganz selten Belege für Königes, Abendes oder Elendes finden können, aber diese Text „klingen oft gewollt überhöht, manchmal leicht spöttisch oder sie beziehen sich auf ältere Literaturerzeugnisse oder Persönlichkeiten“. Das heißt, man kann die Verwendung der langen Genitivform dafür verwenden, dass ein Wort besonders alt oder literarisch klingt. Das ist auch für den nächsten Abschnitt relevant: Ganz generell klingt für uns die lange Endung immer etwas altmodischer und damit auch gehobener als die kurze. Das heißt, dass man in gehobener Sprache ganz grundsätzlich mehr lange Genitivendungen findet als in der Umgangssprache, unabhängig vom konkreten Wort.

Dann kommen wir jetzt zu der spannendsten Gruppe: Ein ganzer Haufen Wörter kann nämlich sowohl die lange als auch die kurze Genitivendung annehmen.

Schwankende Wörter

Es gibt eine ganze Reihe von Faktoren, die die Wahl der langen oder kurzen Genitivendung beeinflussen, wenn beide theoretisch möglich sind. Wir picken uns heute nur ein paar davon heraus. Einer der wichtigsten Faktoren ist die Länge des Worts. Wie oben schon besprochen, mag das Deutsche besonders gerne zweisilbige Wörter und es ist nicht so gerne gesehen, wenn aus zweisilbigen Wörtern durch Flexion dreisilbige werden. Deshalb ist es wahrscheinlich auch keine große Überraschung, dass längere Wörter häufiger die kurze Genitivendung annehmen und vor allem einsilbige Wörter die lange Endung mögen. Einsilbige Wörter wie Tag nehmen also gerne die lange Endung (Tages). Wenn Tag als Teil eines Kompositums auftritt, dann nimmt es aber lieber die kurze Endung. Wir sagen also des Tages, aber des Vortags. Aber nicht alle einsilbigen Wörter verhalten sich gleich: Hier macht es zum Beispiel einen Unterschied, wie das Wortende aussieht.

Wortende: des Mülls und des Zuges

Wir können bei einsilbigen Wörtern feststellen, dass die sogenannte Sonorität einen Einfluss auf die Genitivendung hat. Es gibt dabei einiges an Variation, aber ein paar Tendenzen sind ganz gut erkennbar, die mit Sonorität zu tun haben. Als Sonorität bezeichnen wir in der Linguistik die Klangfülle eines Lautes; besonders sonor sind Vokale und Konsonanten wie l und n, besonders unsonor sind Plosive wie p und t (Einen Zwiebelpost zu den verschiedenen Arten von Konsonanten findet ihr hier).

Wörter, die mit einem wenig sonoren Konsonanten enden, tragen oft die lange Genitivendung. Das sind Laute wie [t] in Staat und Kind (des Staates, des Kindes) oder [k] wie bei Zug (des Zuges). Wörter, die am Ende einen sonoren Konsonanten wie [l] in Müll oder [m] wie in Kamm tragen, tendieren zur kurzen Genitivbildung (des Mülls, des Kamms). Allerdings ist nicht nur die Art des Konsonanten relevant für die Wahl der Endung, sondern auch ihre Anzahl.

Wortende: des Huhns, des Kindes und des Obstes

Einsilbige Wörter mit mehreren Konsonanten am Wortende tendieren außerdem stärker zur langen Endung als Wörter mit nur einem Konsonant am Ende. Das hängt damit zusammen, dass man viele Konsonanten auf einem Haufen nur schwer aussprechen kann. Die Aussprache wird dabei immer schwieriger, je mehr Konsonanten nebeneinander stehen. Wörter wie Huhn, die am Ende nur einen Konsonanten haben (das h spricht man ja nicht mit), können ohne Probleme mit der kurzen Endung als des Huhns ausgesprochen werden. Auch des Kinds führt mit zwei Konsonanten noch nicht zu vielen Komplikationen, aber bei mehr als zwei Konsonanten wird es langsam knifflig: Des Herbsts oder des Obsts sind schon wirklich kompliziert, vor allem für kleine Kinder und Leute, die Deutsch lernen.

Weitere Faktoren

Neben dem Wortende gibt es noch viele weitere Faktoren, die beeinflussen, ob ein Wort mit der langen oder der kurzen Genitivendung vorkommt. So gibt es bestimmte Vorsilben und Endungen, die gerne mit einer bestimmten Endung stehen. Außerdem hat noch die Betonung der verschiedenen Wortbestandteile einen Einfluss (des Verstandes, aber des Aufstands) und auch das Genus von Wörtern. Maskulina wie Zug werden ein bisschen häufiger mit langer Endung gebildet als Neutra wie Pferd. Bei Komposita kann sogar die Bedeutung einen Einfluss haben. Und wir haben oben schon kurz angesprochen, dass auch die Textsorte und der Inhalt eines Textes beeinflussen können, welche Genitivendung gewählt wird: In gehobeneren Texten finden wir insgesamt mehr lange Endungen. Natürlich hat auch die Frequenz mal wieder einen Einfluss, aber das ist ein Thema für eine andere Zwiebel.

Überraschend häufig haben einzelne Wörter auch ganz einfach bestimmte Vorlieben, die von denen von sehr ähnlichen Wörtern abweichen. Fall kommt zum Beispiel sehr oft mit der langen Endung vor (des Falles). Schall steht hingegen meisten mit der kurzen Endung, also Schalls. Dabei ist die Aussprache von Fall und Schall ja eigentlich sehr ähnlich. Aufgrund des Wortendes würde wir erwarten, dass Fall auch die kurze Endung annimmt, weil dort nur ein sehr sonorer Konsonant, nämlich [l], steht. Dass Fall insgesamt zur langen Endung tendiert, liegt an dem Spruch im Falle eines Falles. Hier halten sich gleich zwei alte Flexionsformen, nämlich das Dativ-e und die lange Genitivendung. Weil diese Wendung so bekannt ist, verändern wir sie nicht gerne und konservieren damit gleich zwei Flexionsformen, die ansonsten nicht so oft vorkommen.

Wie ihr seht, ist diese Sache mit den Genitivendungen also viel komplexer, als dass wir sie mit nur einer Zwiebel umfassend erklären könnten. Aber wir hoffen, dass wir euch einen kleinen Einblick in die Variation dieser eigentlich recht unauffälligen Endung geben konnten.

Zum Weiterlesen:

Autor, Doktor, Friede, Funke — Problemfälle der Flexion?. In: Leibniz-Institut für Deutsche Sprache: „Grammatik in Fragen und Antworten“. Grammatisches Informationssystem grammis. https://grammis.ids-mannheim.de/fragen/28.

Eines Tags oder eines Tages? — Genitivformen kurz und lang. In: Leibniz-Institut für Deutsche Sprache: „Grammatik in Fragen und Antworten“. Grammatisches Informationssystem grammis. Permalink: https://grammis.ids-mannheim.de/fragen/26.

Wikipedia-Artikel zu Sonorität: https://de.wikipedia.org/wiki/Sonorit%C3%A4tshierarchie

Szczepaniak, Renata (2010): Während des Flug(e)s/des Ausflug(e)s? German Short and Long Genitive Endings. In Alexandra N. Lenz & Albrecht Plewnia, Albrecht (Hg.): Grammar between Norm and Variation. Frankfurt a.M.: Peter Lang, 103–126.

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2 Kommentare zu „Die Abfahrt des Zuges oder des Zugs? Lange und kurze Genitivendung im Vergleich

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