Spiel · Wörter machen Sachen

Teekesselchen erklärt: Warum haben manche Wörter mehrere Bedeutungen?

Als ich in der Grundschule war, gab es ein beliebtes Spiel namens Teekesselchen. Dabei haben zwei Kinder abwechselnd Hinweise wie „Mein Teekesselchen bellt“ und „Mein Teekesselchen trägt Handschuhe“ gegeben und der Rest der Klasse musste dann erraten, welches Wort mit mehreren Bedeutungen sie beschrieben haben. Sicher gibt es das Spiel heute immer noch und erfahrene Spieler_innen aller Altersstufen werden sofort gemerkt haben, dass es sich hier um den Boxer handelt, einmal die Hunderasse und einmal den Sportler. Aber wie kommt es eigentlich dazu, dass ein Wort verschiedene Bedeutungen hat? Und ist das nicht verwirrend?

Teekesselchen sind kein rein deutsches Phänomen, auch viele andere Sprachen kennen solche Wörter. Im Spanischen bedeutete das Wort llama zum Beispiel sowohl ‚Flamme‘ als auch ‚Lama‘. Das ist für uns ein Hinweis darauf, dass solche Wörter erstens ganz normal ist und dass man zweitens ihre Entstehung untersuchen und erklären kann. Man sieht es vielen Teekesselchen auf den ersten Blick gar nicht an, aber mit dieser Bezeichnungen werden zwei unterschiedliche Arten von Wörtern bezeichnet. Zum einen gibt es Wörter, die mehrere miteinander verwandte Bedeutungen haben und zum anderen gibt es den Fall, dass zwei Wörter quasi zufällig gleich aussehen. Wie das kommt und welche Wörter zu welcher der beiden Gruppen gehören, das schauen wir uns jetzt genauer an.

Polysemie: Wenn ein Wort mehrere Bedeutungen hat

Zunächst beschäftigen wir uns mit Wörtern, die im Laufe der Zeit mehrere Bedeutungen angenommen haben. Dieses Phänomen nennt man Polysemie, was aus dem Griechischen kommt und soviel wie ‚viele Bedeutungen‘ (poly = ‚viel‘, sem = ‚Bedeutung‘) heißt. Wir schauen uns zwei Untergruppen von Polysemie an, die durch unterschiedliche Prozesse entstehen.

Ein schönes Beispiel für die erste Untergruppe ist Bank. Die Bedeutung ‚Geldinstitut‘ hat sich aus der Bedeutung ‚Sitzgelegenheit‘ entwickelt. Wie das? Nun, Geldwechsler machten früher ihre Geschäfte auf Bänken und wenn man Geld wechseln oder sonstige Geldgeschäfte machen wollte, musste man eben zur Bank gehen. Und daraus entwickeln sich dann noch weitere Bedeutungen: Mit Bank meinen wir heutzutage ja nicht nur die Institution, bei der wir ein Konto haben, sondern auch das entsprechende Gebäude und die Leute, die dort arbeiten. Das gilt auch für viele andere Institutionen wie Kirche oder Schule. Hier werden Bezeichnungen für die ganze Institution auf Teile davon übertragen. Diesen Prozess nennt man Metonymie.

Die zweite Untergruppe besteht aus Wörtern wie Löffel (‚Teil des Essbestecks‘ und ‚Ohren des Hasen‘) und Schraube (‚Metallbolzen mit Gewinde‘ und ‚Figur im Sport, bei der sich der Körper um die Längsachse dreht‘). Zwischen den beiden Bedeutungen besteht jeweils eine metaphorische Beziehung. Das heißt, grob gesagt, dass sie sich auf irgendeine Art ähnlich sind. Die Ohren des Hasen sehen ein bisschen so aus wie längliche Löffel. Und die Schraube in der Gymnastik, bei der man sich um die Längsachse dreht, erinnert uns daran, dass man auch Schrauben aus dem Werkzeugkasten mehrfach drehen muss.

Überhaupt handelt es sich bei Bezeichnungen für bestimmte Figuren in Sportarten wie Gymnastik, Eiskunstlauf, Turmspringen und so weiter häufig um Metaphern. Es ist schließlich viel einfacher zu sagen, dass uns die Art, wie sich jemand verbiegt, an eine Brücke erinnert, als genau zu beschreiben, was die Person dafür tun muss. Auch alle Figuren aus dem Schachspiel (Bauer, König, Springer usw.) haben ihre Namen Metaphern zu verdanken, die sich auf ihr Aussehen oder ihre Fähigkeiten beziehen.

Nicht bei allen Polysemen, die auf Metaphern zurückgehen, kann man diese Herkunft heute noch so gut erkennen: Um die metaphorischen Verbindungen bei Zug (Lokomotive, Spielzug, Gesichtszüge), Schein (‚Geldnote‘, ‚Trugbild‘, ‚Lichtglanz‘) oder Bauer (‚Landwirt‘, ‚Vogelkäfig‘) zu erkennen, sind sprachwissenschaftliche Kenntnisse auf jeden Fall von Vorteil.  

Homonymie: Wenn zwei Wörter zufällig gleich aussehen

Kommen wir nun zu der zweiten großen Gruppe von Teekesselchen: Wörter, die nicht miteinander verwandt sind, aber trotzdem gleich aussehen. In der Sprachwissenschaft nennt man solche Wörter Homonyme (aus dem Griechischen von homo ‚gleich‘ und onym ‚Name‘). Ein Beispiel dazu ist die bzw. der Kiefer (‚Nadelbaum‘, ‚Teil des Gesichts‘). Auch hier gibt es ein paar Untergruppen. Im Deutschen gibt es nämlich Wörter, die zwar gleich klingen, wenn man sie ausspricht, die aber unterschiedlich geschrieben werden (z.B. Waise und Weise). Diese nennt man Homophone (‚gleich klingend‘). Und dann gibt es noch Wörter, die man zwar genau gleich schreibt, aber unterschiedlich ausspricht (z.B. MOdern und moDERN). Diese nennt man Homographe (‚gleich geschrieben‘).

Schuld an diesen Doppelungen sind zwei verschiedene Prozesse. Der erste ist der Lautwandel. Wir haben hier auf dem Blog ja schon häufiger darüber geschrieben, dass sich die Laute von Sprachen im Laufe der Zeit ganz schön verändern können. Und manchmal passiert es dadurch, dass zwei Wörter, die vorher unterschiedlich klangen, jetzt gleich ausgesprochen werden. So ist es zum Beispiel bei Rost geschehen. Rost (‚rötlicher Eisenbelag‘) geht auf das althochdeutsche Wort rost zurück, das seit dem 8. Jahrhundert belegt ist. Durch einen Lautwandelprozess, den man Primärberührungseffekt nennt, ist das Wort aus dem Adjektiv rot entstanden (Rost ist wortwörtlich etwas ‚Gerötetes‘). In der Bedeutung ‚Gitter über dem Feuer‘ geht Rost auf das althochdeutsche rōst, rōsta zurück. Rōsta hat im Laufe der Zeit das a am Wortende abgelegt, sodass die beiden Wörter heutzutage genau gleich aussehen. Sie unterscheiden sich heute nur noch in ihrem Genus, dem grammatischen Geschlecht: Das Rost liegt auf dem Grill, der Rost entsteht an Eisen.

In der Vergangenheit haben Grammatiker manchmal interveniert, wenn sie fanden, dass es durch Homonymie zu Verwirrungen kommen könnte. Das ist zum Beispiel bei Weise und Waise passiert, die ursprünglich genau gleich geschrieben wurden. Damit man die beiden Wörter nicht verwechselt, wurde festgelegt, dass man eines mit <ei> und das andere mit <ai> schreiben soll. Das ist auch der Grund, weshalb wir heute zwischen Saiten (an der Gitarre) und Seiten (im Buch) unterscheiden. Obwohl man sich schon fragen kann, in welchen Kontexten man diese Wörter wirklich verwechseln könnte. Dieser Prozess, bei dem man dafür sorgt, dass Wörter mit unterschiedlicher Bedeutung auch unterschiedlich geschrieben werden, trägt übrigens den schönen Namen Homonymenflucht.

Der zweite Prozess, der uns gleich aussehende oder gleichklingende Wörter bringt, die nicht miteinander verwandt sind, ist die Fremdwortentlehnung. So ist es zum Beispiel Ball ergangen. Ball im Sinne von ‚Kugel‘ ist ein deutsches Wort, das seit dem 9. Jahrhundert belegt ist – damals noch mit einem l als bal. Ball im Sinne von ‚festliche Tanzveranstaltung‘ ist im 17. Jahrhundert aus dem Französischen zu uns gekommen und leitet sich von dem franz. Verb baler ‚tanzen‘ ab. Die beiden Bedeutungen von Ball haben also sprachgeschichtlich gesehen überhaupt nichts miteinander zu tun. Weitere Teekesselchen, die keine Verwandtschaftsbeziehung zueinander haben, sind zum Beispiel Kiefer ‚Knochen im Gesicht‘, ‚Nadelbaum‘) Saite/Seite (‚Bespannung für Musikinstrumente und Sportgeräte‘, ‚Fläche‘).

Im Alltag ist die Unterscheidung zwischen Homonymen und Polysemen mit all ihren Untergruppen nicht wirklich relevant. Für Linguist_innen ist das allerdings wichtig, weil man anhand von solchen Wörtern gut sehen kann, wie sich Bedeutungen in der Sprache entwickeln. Zum Glück kann man bei Teekesselchen auch dann problemlos gewinnen, wenn man den Unterschied nicht kennt. Wer es trotzdem ganz genau wissen will, kann in etymologischen Wörterbüchern nachschlagen, woher Wörter genau kommen und wie sie sich entwickelt haben. Für das Deutsche greifen wir gerne auf die etymologischen Wörterbücher von Wolfgang Pfeifer (digital über die Homepage des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache zugänglich) und Friedrich Kluge (anscheinend nur als Buch verfügbar, obwohl mal eine App angekündigt war) zurück.

Machen Teekesselchen Probleme?

Zu guter Letzt wollen wir noch kurz darüber sprechen, ob Teekesselchen im täglichen Sprachgebrauch zu Problemen und Verwirrungen führen. Man könnte ja denken, dass es eigentlich sehr unpraktisch ist, wenn ein Wort mehrere Bedeutungen hat, die sich teils sehr deutlich voneinander unterscheiden. Aber gerade diese großen Bedeutungsunterschiede sind es, die uns in der Regel vor Verwechslungen retten. Um die Bedeutung eines Worts zu verstehen, betrachten wir immer auch den Kontext. Und es gibt wirklich nur wenige Kontexte, in denen unklar ist, welche Bedeutung von Pflaster oder Löffel gemeint ist. Es gibt also keinen Grund zur Homonymenflucht!

Und was sind eure liebsten Beispiele für Teekesselchen? Schreibt es uns in die Kommentare oder bei Twitter!

Zum Weiterlesen:

Eintrag zu Bank im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. https://www.dwds.de/wb/Bank#2 (gesehen am 29.08.2021).
Eintrag zu Rost (Eisenbelag) im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. https://www.dwds.de/wb/Rost#2 (gesehen am 30.08.2021).
Eintrag zu Rost (Gitter über dem Feuer) im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. https://www.dwds.de/wb/Rost#1 (gesehen am 30.08.2021).
Eintrag zu Ball (Kugel) im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. https://www.dwds.de/wb/Ball#1 (gesehen am 30.08.2021).
Eintrag zu Ball (Tanzveranstaltung) im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. https://www.dwds.de/wb/Ball#2 (gesehen am 30.08.2021).

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