Wörter machen Sachen

Ich bin das Eis am Essen – der am-Progressiv, Teil 2

Vor einem Monat waren wir fleißig den am-Progressiv am Analysieren und haben euch eine Fortsetzung versprochen. Hier kommt sie: Wir schauen uns heute an, in welchen Regionen der am-Progressiv am beliebtesten ist und warum der Satz Ich bin das Eis am Essen für viele merkwürdiger klingt als Ich bin am Eis Essen.

Zunächst einmal eine kleine Auffrischung: Als am-Progressiv bezeichnen wir Sätze wie Ich bin am Kochen. Diese drücken aus, dass eine Handlung gerade stattfindet. Man kann stattdessen auch Ich koche sagen, aber dann ist nicht immer klar, ob jemand jetzt gerade kocht oder generell gerne kocht. Wer noch mehr Hintergrundwissen möchte und erfahren will, welche Verben den am-Progressiv besonders mögen, kann sich hier die erste Zwiebel zu dem Thema durchlesen.

Wo ist der am-Progressiv besonders beliebt?

Je nachdem, wo ihr lebt, wird euch der am-Progressiv bekannter vorkommen oder weniger bekannt, denn er ist regional sehr unterschiedlich verteilt. Das zeigt eine Karte aus dem Atlas zur deutschen Alltagssprache. Innerhalb dieses Projekts wurden Menschen gebeten, Sätze danach zu bewerten, wie gebräuchlich sie in ihrer Region sind. Ein Punkt auf der Karte zeigt, ob der Satz Sie war noch am Schlafen als völlig üblich, neuerdings üblich oder sehr unüblich bewertet wurde.

Quelle: Atlas zur deutschen Alltagssprache (http://www.atlas-alltagssprache.de/runde-2/f18a-b/)

Wir sehen ein klares Bild: Der am-Progressiv ist vorrangig im Westen Deutschlands und in der Schweiz üblich. In anderen deutschsprachigen Regionen wird er hingegen vorrangig als unüblich wahrgenommen. Diese Verteilung ist auch Sprecher_innen bewusst: Der am-Progressiv wird auch als rheinische Verlaufsform bezeichnet und viele Menschen verbinden den am-Progressiv mit Köln. Und in den Kommentaren zur ersten am-Progressiv-Zwiebel wurde gefragt, ob der am-Progressiv nicht besonders in der Schweiz verbreitet sei. Wie die Karte unschwer erkennen lässt: Ja!

Ich bin das Eis am Essen – der weite Weg vom substantivierten Infinitiv zur Verbform

Nachdem wir uns die regionale Verteilung des am-Progressivs näher angeschaut haben, nehmen wir nun noch einmal den am-Progressiv selbst näher in den Blick. Wir haben in der ersten am-Progressiv-Zwiebel ja schon festgestellt, dass der am-Progressiv besonders gerne mit Verben verwendet wird, die eine Handlung ausdrücken. Außerdem kommt er besonders oft ohne Objekt vor. Also ich bin gerade am Kochen statt ich bin gerade die Kartoffeln am Kochen. Warum ist das so?

Um diese Frage zu klären, müssen wir uns einmal mit Wortarten befassen. Welche Wortarten haben wir denn im Satz Ich bin am Kochen? Ich und am sind leicht zu analysieren: Ich ist ein Personalpronomen und am eine Mischung (linguistischer formuliert: Klise) aus Präposition am und dem Artikel dem. Interessant wird es bei bin und kochen. Hier gibt es zwei Möglichkeiten:

Kochen in am Kochen kann man als substantivierten Infinitiv analysieren. Wir haben also das Verb kochen, das wir zu einem Substantiv machen: das Kochen. Und als Substantiv kann man kochen natürlich auch mit einer Präposition verwenden – am Kochen funktioniert genauso wie am Park. Für eine Interpretation als Substantiv spricht, dass man einen Genitiv an Kochen hängen kann: Ich bin am Kochen der Kartoffeln. Außerdem zeigt sich die Interpretation als Substantiv darin, dass wir kochen großschreiben und nicht klein. Aus der Interpretation als substantivierter Infinitiv ergibt sich die Interpretation von bin: Wir brauchen noch ein Verb im Satz und dementsprechend ist bist hier ein Vollverb.

Andererseits könnte man kochen auch als stinknormalen Infinitiv analysieren. In diesem Fall würde sein als Hilfsverb fungieren. Und in dieser Interpretation wäre es auch sinnvoll, das Verb klein statt großzuschreiben. Gegen diese Interpretation spricht allerdings das das Ergänzen von Genitiven (am Kochen der Kartoffeln), da das nur mit Substantiven geht. Dass beide Lesarten möglich sind, ist kein Zufall: Tatsächlich ist beim am-Progressiv eine Umdeutung weg von der Interpretation als substantivierter Infinitiv und hin zu einem normalen Infinitiv zu beobachten.

Diese Umdeutung kann man an der Verwendung von Objekten erkennen: Wenn man kochen als Substantiv interpretiert, kann kochen natürlich kein Objekt haben, denn das haben nur Verben. Deswegen klingt Ich bin die Kartoffeln am Kochen und Ich bin ein Eis am essen für viele Menschen komisch. Wenn man kochen aber als Infinitiv interpretiert, sind Objekte natürlich möglich. Objekte sind daher ein guter Hinweis auf die Umdeutung (bzw. Reanalyse; so nennt man die Umdeutung in der Linguistik) des am-Progressivs. Schauen wir uns dazu noch eine weitere Karte des Atlas zur deutschen Alltagssprache an. Diesmal wurde gefragt, wie üblich der Satz Ich bin gerade die Uhr am Reparieren ist.

Quelle: Atlas zur deutschen Alltagssprache (http://www.atlas-alltagssprache.de/runde-2/f18a-b/)

Im Vergleich zur ersten Karte sehen wir noch weniger rote Punkte, die anzeigen, dass der Satz als sehr üblich wahrgenommen wird. Allerdings sehen wir auch, dass in den Gebieten, die uns vorher schon aufgefallen sind – im Kölner Raum und in der Schweiz – der Satz trotzdem vorrangig als üblich betrachtet wird. Das zeigt, dass der am-Progressiv in diesen Regionen schon weiter entwickelt ist als in anderen Regionen, er kann dort auch Objekte zulassen und ist somit eine richtige Verbform. Diese Entwicklung hin zu einer neuen grammatischen Form nennen wir in der Linguistik Grammatikalisierung: Bei dem am-Progressiv entwickelt sich also ich bin am Kochen von einer Kombination aus Verb und Präposition samt Substantiv (ich bin am Kochen der Kartoffeln) zu einer neuen komplexen Verbform, die aus einem Hilfsverb und einem Vollverb besteht (ich bin die Kartoffeln am Kochen).

Nun ist es aber nicht so, dass der am-Progressiv erst gar nicht mit Objekten genutzt wird und dann plötzlich Objekte möglich werden. Stattdessen kann man eine Übergangsphase beobachten: inkorporierte Objekte. Inkorporiertes Objekt klingt vielleicht erstmal ziemlich abgefahren, meint aber eigentlich etwas ganz Simples: Wenn ich sage ich will Eis essen, dann ist das Objekt Eis nur noch schwer vom Verb essen zu trennen. Man könnte sagen, dass Eis zum Verb essen dazu gehört. Das sieht man auch daran, dass einige Menschen nicht Eis essen schreiben würden, sondern eisessen. Diese Art der Objekte nennen wir inkorporiert, was so viel wie ‚einverleibt‘ bedeutet: Das Objekt ist Teil des Verbs geworden. Inkorporierte Objekte sind nun gut verträglich mit dem am-Progressiv, weil sie eben auch als Teil des Verbs durchgehen. Daher funktioniert Ich bin am Eis essen besser als ich bin ein Eis am essen – zumindest für Menschen, die nicht in Köln oder in der Schweiz leben.

Insgesamt können wir festhalten, dass der am-Progressiv regional unterschiedlich verteilt ist und auch unterschiedlich weit entwickelt ist. Das sieht man daran, dass Objekte möglich sind, die in der ursprünglichen Interpretation als substantivierter Infinitiv nicht möglich sind. Wir sind gespannt, wie sich der am-Progressiv weiter am entwickeln sein wird!

Zum Weiterlesen:

Atlas zur deutschen Alltagssprache: Verlaufsformen

Flick, Johanna (2016): Der am-Progressiv und parallele am V-en sein-Konstruktionen. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 138/2, 163–196.

Kuhmichel, Katrin und Johanna Flick (2013): Der am-Progressiv in Dialekt und Standardsprache. In: Vogel, Maria (Hrsg.): Sprachwandel im Neuhochdeutschen. Jahrbuch für germanistische Sprachgeschichte, 4. Berlin/Boston: de Gruyter, 52–76.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.