Leserfrage · Wortgeschichte

Lesbisch, schwul und Co. – Woher kommen die Wörter in LGBTQIA?

Heute haben wir mal wieder eine Leserfrage für euch: Wir wurden bei Twitter gebeten, etwas zur Geschichte von Wörtern wie lesbisch, schwul und trans zu schreiben. Das machen wir doch gern! Bei diesen Wortgeschichten gibt es nämlich viele interessante und unerwartete Dinge zu entdecken.

Bevor wir loslegen, müssen wir aber noch ein paar Sachen klären: Deutlicher als bei anderen Zwiebelposts soll hier betont werden, dass dieser Beitrag nur einen vereinfachten Überblick bieten kann. Das gilt insbesondere für die Definitionen der Wörter, die hier beschrieben sind. Der Fokus liegt in diesem Beitrag auf den Wortgeschichten und nicht darauf, wer sich konkret wie bezeichnet. Das ist allen Leuten selbst überlassen.

Natürlich soll die Liste der hier behandelten Wörter auch nicht als vollständig verstanden werden. Wir hangeln uns heute im Wesentlichen an der weit verbreiteten englischen Abkürzung LGBTQIA entlang, mit der eine Reihe von Identitäten und Arten von sexuellen und romantischen Anziehungen zusammengefasst werden. Die Abkürzung steht für die Adjektive lesbian, gay, bi, trans, queer, inter und asexual. Als deutsche Entsprechung gibt die Bundeszentrale für politische Bildung in ihrem Lexikon LSBTIQ an. Das steht für die Adjektive lesbisch, schwul, bi, trans, inter und queer. Wenn ihr noch nicht bei all diesen Wörtern genau wisst, was sich dahinter verbirgt, keine Angst: Das klären wir gleich noch.

In LGBTQIA sind ein paar verschiedene Konzepte zusammengefasst: Geschlechteridentitäten, Orientierungen und Arten von sexueller und romantischer Anziehung. Wir fangen jetzt erst einmal mit den sexuellen und romantischen Orientierungen an und kommen danach zu den Geschlechteridentitäten.

Lesbisch

Als lesbisch bezeichnet man im Allgemeinen Frauen, die sich zu Frauen hingezogen fühlen. Die Etymologie von lesbisch führt uns zurück ins antike Griechenland auf die Insel Lesbos. Auf dieser Insel schrieb die Dichterin Sappho (ca. 600 v.Chr.) Gedichte über die Schönheit junger Frauen. Aus dem griechischen Lesbís (Λεσβίς) ‚Frau von Lesbos‘ wurde in Anlehung an Sappho ein Verb abgeleitet, das so viel wie ’sich wie die Frauen von Lesbos verhalten‘, und damit quasi ‚als Frau Frauen lieben‘, bedeutete. Im Deutschen ist lesbisch ab dem 19. Jahrhundert vor allem in der Verbindung lesbische Liebe verbreitet. Erst ab dem 20. Jahrhundert wird das Adjektiv auch zur Bezeichnung von Menschen verwendet. Wörter wie lesbisch, die auf einen Eigennamen zurückgehen, nennt man in der Linguistik Eponyme oder Deonyme. Weitere solche Wörter sind zum Beispiel Kaiser und Zar, die auf den Namen Julius Caesar zurückgehen.

Schwul

Schwul wird seit ca. 1900 verwendet, um Männer zu bezeichnen, die sich zu Männern hingezogen fühlen. Das Wort selbst ist allerdings viel älter. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache schreibt, dass es im 17. Jahrhundert aus dem Niederdeutschen in die hochdeutsche Literatursprache übernommen wurde. Schwul bedeutete damals noch ‚drückend und ermattend warm oder heiß, drückend oder ängstlich beklommen‘. Moment mal, ist das nicht die Definition von schwül? Ganz genau! Man nimmt an, dass schwul seine Gestalt im 18. Jahrhundert zu schwül geändert hat – unter dem Einfluss von kühl. Kühl und schwül klingen als Gegensatzpaar einfach etwas harmonischer als kühl und schwul. Von dieser alten Bedeutung leitet sich auch die Redewendung in Schwulitäten geraten ab: Die Wendung ist seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts belegt, kommt aus der Studentensprache und bezeichnet eine Situation, die so beklemmend ist, dass man ins Schiwtzen kommt. Wie die Übertragung der Bezeichnung auf Menschen passiert ist, ist nicht ganz geklärt, aber die Wörterbücher, die ich verwendet habe, ziehen eine Verbindung zur Bezeichnung warmer Bruder für Schwule. Ganz ursprünglich ist schwul wohl vom Verb schwelen abgeleitet.

Bi und pan

Die Bedeutung der einzelnen Wortteile von bi ist schnell geklärt: Bi kommt aus dem Lateinischen und bedeutet ‚zwei, doppelt, beide‘. Wir kennen bi aus Wörtern wie bilateral (‚beidseitig‘) und bilingual (‚zweisprachig‘). Seit den 1950ern bezeichnet man mit bisexuell oder kurz bi Personen, die sich nicht nur zu Personen eines Geschlechts hingezogen fühlen. Die Geschichte des Worts ist aber sehr wechselhaft: Bisexuell wird ursprünglich ab dem frühen 19. Jahrhundert dafür verwendet, hermaphroditische Lebewesen bzw. Zwitter (vor allem Tiere und Pflanzen) zu bezeichnen, da sie zwei Geschlechter in sich vereinen.

Eine Zeit lang hatte bisexual im Englischen in der Mitte des 20. Jahrhunderts außerdem die Bedeutung, die heute unisex hat, also ‚mehrere Geschlechter betreffend‘ oder ‚unabhängig von Geschlecht‘. Eine bisexuelle Veranstaltung war demnach eine, die nicht nur für Männer oder nur für Frauen gedacht war. Auch Kleidungsstücke konnten als bisexuell bezeichnet werden, wenn sie nicht explizit für Personen eines bestimmten Geschlecht designt wurden. Und auch der christliche Gott wurde zeitweise als bisexuell bezeichnet. Das entspricht in etwa der heutigen Verwendung von androgyn, also ‚zu keinem Geschlecht eindeutig zugehörig, sondern Elemente mehrerer Geschlechtsidentitäten in sich vereinend‘. So wird der christliche Gott als weder eindeutig männlich noch eindeutig weiblich dargestellt. Zur Verwendung von bisexual im Englischen gibt es eine sehr interessante Folge (mit Transkript) des Podcasts The Allusionist, die noch weiter ins Detail geht.

Für die Bezeichnung von Personen, die sich zu mehr als einem Geschlecht hingezogen fühlen, gibt es neben bisexuell noch pansexuell bzw. pan. Das Adjektiv kommt aus dem Griechischen und bedeutet ‚all, gesamt, völlig‘ und ist uns als Vorsilbe in Wörtern wie paneuropäisch (‚ganz Europa betreffend‘) bekannt. Es steckt auch in Panorama, das einen Rundblick über eine Landschaft beschreibt, von der man so (fast) alles sehen kann. Auch die allgegenwärtig Pandemie gehört in diese Reihe, da sie fast die gesamte Erde betrifft.

Die Bezeichnung Pansexualismus geht auf das frühe 20. Jahrhundert zurück und wurde von Gegnern Sigmund Freuds erfunden. Diese bezichtigten ihn der Ansicht, dass sexuelles Begehren alle menschlichen Handlungen und Gedanken steuert und nannten diese Sichtweise Pansexualismus. Ab den 1970ern wurden pansexuell und pan dann verwendet, um Menschen zu bezeichnen, die sich zu mehr als einem Geschlecht hingezogen fühlen.

Mit der Verwendung von pan als sexuelle und/oder romantische Anziehung wird betont, dass diese grundsätzlich nicht nur auf zwei Geschlechter festgelegt ist, sondern sich auch auf weitere Geschlechter beziehen kann. So wird die Anziehung zu intergeschlechtlichen, nichtbinären und weiteren Personen explizit gemacht. Die Beziehung zwischen den Bezeichnungen bi und pan ist komplex: Von manchen wird pan als eine Unterkategorie von bi verstanden. Andere Menschen verstehen pan als eine Abgrenzung von bi in der Lesart ‚zwei, beide‘.

Asexuell

Asexuell unterscheidet sich von den bisher aufgezählten Bezeichnungen insofern, als dass es keine Orientierung von sexueller und/oder romantischer Anziehung beschreibt. Asexuelle Menschen fühlen ganz grundsätzlich keine oder nur geringe sexuelle Anziehungen gegenüber anderen Menschen, ganz egal, welches Geschlecht diese haben. Asexualität ist dabei ein Spektrum; es gibt auch asexuelle Menschen, die Sex haben.

Das a in asexuell kommt aus dem Griechischen und bezeichnet das Gegenteil oder die Abwesenheit von etwas. Die Vorsilben kennen wir von Wörtern wie ahistorisch (‚die Geschichte nicht beachtend‘) und apolitisch (‚unpolitisch‘). Auch Analphabetismus und Anarchie beginnen mit dieser Vorsilbe: Wenn sie vor ein Wort gesetzt wird, das mit einem Vokal beginnt, wie aus dem a ein an. Als analphabetisch werden Menschen bezeichnet, die nicht lesen können, also das Alphabet nicht beherrschen. Die Anarchie bezeichnet eine Gesellschaftsform ohne Führung (von griechisch árchos ‚Führer‘).

Jetzt kommen wir noch zu zwei Bezeichnungen, bei denen es überhaupt nicht um sexuelle oder romantische Anziehung geht, sondern um Geschlechter bzw. Geschlechteridentitäten.

Trans

Grob gesagt bezeichnet das Adjektiv trans oder transgender (veraltet: transsexuell) Personen, deren Geschlecht nicht mit dem übereinstimmt, das ihnen nach der Geburt zugewiesen wurde. Darunter fallen demnach viele verschiedene Personengruppen. Nicht nur Männer, denen nach der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde, und Frauen, denen nach der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde, sondern auch nicht-binäre Personen, die männliche und weibliche Aspekte in sich vereinen, und weitere Gruppen bezeichnen sich als transgender.

Das Wort trans kommt aus dem Lateinischen. Es ist eine Präposition, die ‚hinüber, hindurch, über… hin(aus), jenseits‘ bedeutet und auch als Vorsilbe mit anderen Wörtern verschmelzen kann. Ins Deutsche kam trans als Bestandteil von Zusammensetzungen wie Transaktion. Eine Transaktion bezeichnet in der Psychologie eine wechselseitige Beziehung und im Finanzsektor einen Geschäftsabschluss, bei dem ein Gut von dem Besitz einer Person in den einer anderen übergeht. Auch in Wörtern wie transsibirisch und transalpin begegnet uns der Wortteil: Die transsibirische Eisenbahn fährt quer durch ganz Sibirien und eine transalpine Urlaubsreise führt uns, wenn nicht gerade Pandemie herrscht, auf die andere Seite der Alpen.

Das Gegenstück zu trans bildet das Adjektiv cis. Es beschreibt Personen, deren Geschlecht mit dem übereinstimmt, das ihnen nach der Geburt zugewiesen wurde, also zum Beispiel Frauen, denen nach der Geburt das weibliche Geschlecht zugeordnet wurde. In dieser Bedeutung besteht es seit dem Anfang der 1990er, aber in anderen Verwendungen gibt es das Wort schon länger. Es geht auf die lateinische Präposition cis ‚diesseits, auf der gleichen Seite‘ zurück.

In den Naturwissenschaften werden trans und cis verwendet, um die Strukturen von Molekülen zu bezeichnen, zum Beispiel für das Phänomen der cis-trans-Isomerie, bei dem sich zwei Moleküle nur dadurch voneinander unterscheiden, wie zwei sogenannte Substituenten angeordnet sind. Was genau das im Einzelnen bedeutet, ist für uns nicht relevant, wichtig ist nur: Liegen die beiden Substituenten auf einer Seite, spricht man von einer cis-Anordnung, sind sie auf entgegengesetzten Seiten, handelt es sich um eine trans-Anordnung – also genau das, was wir auf Grundlage der lateinischen Präposition erwarten würden. Auch bei den Fettsäuren unterscheidet man zwischen trans und cis, je nach ihrer molekularen Anordnung.

Inter

Als inter oder intergeschlechtlich werden Menschen beschrieben, deren Geschlecht nicht eindeutig als männlich oder weiblich beschrieben werden kann. Das heißt, dass etwa die Gene, Genitalien oder weitere Eigenschaften nicht dem entsprechen, was von der Medizin als eindeutig männlich bzw. eindeutig weiblich angesehen wird. Hier besteht naturgemäß eine große Vielfalt an Ausprägungen.

Auch inter ist eine lateinische Präposition und bedeutet ‚zwischen‘. 1915 hat der Genitiker Richard Goldschmidt die Bezeichnung Intersexualität geprägt, um geschlechtliche Erscheinungsformen zu bezeichnen, die seiner Ansicht nach zwischen idealtypisch weiblich und idealtypisch männlich liegen.

Queer

Zum Schluss wollen wir uns noch die Geschichte von queer genauer ansehen. Die Definition und Geschichte des Worts sind kompliziert, vor allem im Englischen. Im Deutschen wird das Wort als eine Art Obergriff nicht nur für die in diesem Beitrag beschriebenen, sondern auch für weitere Geschlechteridentitäten und sexuelle und romantische Orientierungen verwendet. Auch wissenschaftliche Teilgebiete, die sich mit Erfahrungen von Menschen, die nicht heterosexuell und/oder nicht cis sind, verwenden das Wort, zum Beispiel die Queer Studies.

Das Adjektiv queer ist seit 1500 im Englischen belegt. Es bedeutet ‚komisch, merkwürdig, exzentrisch‘ und ist mit dem deutschen quer verwandt. Ende des 18. Jahrhunderts nahm queer die Bedeutung ‚unnormal‘ an und wurde seit dem frühen 20. Jahrhundert als Schimpfwort für schwule Männer verwendet. Entsprechend handelt es sich bei der heutigen Verwendung von queer um eine zurückerobertes Wort (englisch: reclaimed): Aus dem Schimpfwort haben die beschimpften Personen eine Eigenbezeichnung gemacht. Diese Verwendung ist allerdings nicht unumstritten. Es gibt viele Personen, die queer als Bezeichnung ablehnen. Auch zu diesem Thema gibt es eine Folge (mit Transkript) des Podcasts The Allusionist.

Über diese Bezeichnungen für Geschlechteridentitäten und Anziehungen hinaus gibt es noch viele weitere. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann sich zum Beispiel im LSBTIQ-Lexikon der Bundeszentrale für politische Bildung oder im queeren Glossar des Queer-Lexikons informieren.

Zum Weiterlesen:

Eintrag lesbisch im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache: https://www.dwds.de/wb/lesbisch, gesehen am 02.06.2021.

Eintrag schwul im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache: https://www.dwds.de/wb/schwul, gesehen am 02.06.2021.

Eintrag pan- im Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache: https://www.dwds.de/wb/pan-, gesehen am 06.06.2021.

Eintrag bisexual bei Etymonline: https://www.etymonline.com/word/bisexual#etymonline_v_27182, gesehen am 06.06.2021.

Eintrag queer bei Etymonline: https://www.etymonline.com/word/queer#etymonline_v_3174, gesehen am 06.06.2021.

Wikipedia-Artikel zu Eponym: https://de.wikipedia.org/wiki/Eponym_(Sprachwissenschaft), gesehen am 02.06.2021.

Wikipedia-Artikel zu Sappho: https://de.wikipedia.org/wiki/Sappho, gesehen am 06.06.2021.

Wikipedia-Artikel zu Intersexualität: https://de.wikipedia.org/wiki/Intersexualität, gesehen am 06.06.2021.

Zaltzman, Helen: „101. Two or More“. Episode des Podcasts The Allusionist: https://www.theallusionist.org/allusionist/bisexual?rq=bisexual. Link zum Transkript: https://www.theallusionist.org/transcripts/bisexual.

Zaltzman, Helen: “79. Queer”. Episode des Podcasts The Allustionist: https://www.theallusionist.org/queer. Link zum Transkript: https://www.theallusionist.org/transcripts/queer.

Sauer, Arn: LSBITQ-Lexikon.Bundeszentrale für politische Bildung. 27.03.2017. https://www.bpb.de/gesellschaft/gender/geschlechtliche-vielfalt-trans/245426/lsbtiq-lexikon, gesehen am 06.06.2021.

Queer-Lexikon: https://queer-lexikon.net/, gesehen am 06.06.2021.

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