Wörter machen Sachen

Ich bin gerade am Einkaufen – der am-Progressiv

Ich bin am Einkaufen, ich bin am Kartoffelschälen, ich bin am Kochen, ich bin am Essen – Wir können gerade beobachten, wie eine neue Verbform entsteht: der am-Progressiv. Wozu brauchen wir ihn, wieso heißt er so und kann man ihn mit allen Verben verwenden? Das schauen wir uns heute an.

Wozu brauchen wir den am-Progressiv?

Der am-Progressiv ist eine recht praktische Angelegenheit. Ich kann damit ausdrücken, dass ich etwas gerade in diesem Moment mache: Du, ich hab grad keine Zeit, ich bin am Kochen. Das können wir im Deutschen zwar auch durch ein normales Präsens ausdrücken (Ich koche (gerade)), aber das ist nicht so genau. Wenn ich sage Ich backe Brot dann weiß man ohne Kontext nicht, ob ich gerade jetzt Brot backe oder sagen möchte, dass ich das regelmäßig mache. Erst, wenn ich gerade ergänze, wird klar, dass ich eine laufende Handlung meine.

Bei Ich bin am Brotbacken ist dagegen auch ohne gerade völlig eindeutig, dass ich jetzt gerade Brot backe. Diese Information kann im Zweifel wichtig sein und daher ist es kein Wunder, dass der am-Progressiv entsteht. Oft genutzte Informationen, wie z. B. wann etwas passiert (Präsens, Vergangenheit oder Zukunft), werden aufgrund ihrer Häufigkeit gerne zu grammatischen Informationen. Das –t in lachte ist eine solche grammatische Information, die mir sagt: Achtung! Die Handlung war in der Vergangenheit.

Wer im Englisch-Unterricht aufgepasst hat, dem kommt das Ganze vielleicht bekannt vor: Im Englischen nutzt man das normale Präsens nur für etwas, das man regelmäßig tut: I bake bread (ich backe Brot) und das present progressive, wenn man gerade etwas tut: I’m baking bread (ich bin am Brotbacken). Im Englischen muss man diese Unterscheidung treffen. Im Deutschen nicht, da der am-Progressiv noch eine recht junge Form ist und sich gerade erst entwickelt.

Warum heißt das Ding am-Progresssiv?

Fangen wir vorne an: Das am im am-Progressiv leitet sich offensichtlich davon ab, dass wir am nutzen, um die Form zu bilden: ich bin am Lachen, am Schreiben, am Überlegen. Das liegt daran, dass auch noch beim und im als Progressiv genutzt werden können (ich bin beim Einkaufen, die Inzidenz ist im Sinken). Und was hat es mit dem Progressiv auf sich? Progressiv kennt man ja vor allem als ‚fortschrittlich‘, es kann aber auch ‚fortschreitend‘ bedeuten und das ist die für uns wichtige Bedeutung: Es handelt sich um etwas, das fortschreitet und noch nicht abgeschlossen ist. Genau das ist ja der Fall, wenn wir den am-Progressiv verwenden. Statt Progressiv kann man übrigens auch Verlaufsform sagen, damit ist genau das Gleiche gemeint: Es wird auf den Verlauf einer Handlung fokussiert.

Mit diesem Wissen können wir noch einmal einen genaueren Blick auf das present progressive werfen: Present meint Präsens und progressive Verlaufsform, also die Verlaufsform im Präsens. Denn wir können das progressive ja auch in anderen Zeitformen verwenden zum Beispiel als past progressive: I was reading a book (ich war am Lesen). Es ist also nicht ganz richtig, den am-Progressiv mit dem present progressive gleichzusetzen, denn das ist ja ans Präsens gekoppelt, während der am-Progressiv einfach alle Progressivformen mit am meint, also auch ich war am Lesen. Das progressive ist im Englischen schon so gut verankert, dass man pro Zeitform auch eine Progressivform hat.

Übrigens ist der Progressiv linguistisch gesehen kein eigenes Tempus, da er ja nicht eine Zeit anzeigt, sondern etwas über die Art der Handlung sagt und daher als Aspekt zu werten ist. Wer also (wie ich) im Englischunterricht die Progressivformen als Zeitformen kennengelernt hat: Das ist aus linguistischer Sicht Quatsch, sie sind keine eigenen Zeiten, sondern fokussieren innerhalb einer Zeitform darauf, dass die Handlung (noch) nicht abgeschlossen ist.

Ich bin am X-en – kann ich den am-Progressiv immer verwenden?

Welche Verben werden gerne mit dem am-Progressiv verwendet? Einige Verben eignen sich dafür besser, andere weniger gut. Das hängt von der Bedeutung der Verben ab. Besonders gut funktioniert der am-Progressiv mit activities, also Verben, die eine Handlung ausdrücken, z.B. backen, kochen, lachen, laufen. Hier kann man sehr gut auf den Verlauf fokussieren, da eine Handlung eben länger andauert. In der Linguistik würden wir sagen, sie ist durativ. Etwas weniger gut als die activities lassen sich Verben mit dem am-Progressiv nutzen, die einen allmählichen Zustandswechsel beschreiben (accomplishments), wie z.B. sinken. Diese Verben können in zwei Perspektiven gelesen werden: Einmal mit Fokus auf dem Zustandswechsel (von schwimmend zu versunken), aber auch mit Fokus auf der Handlung (das Sinken). Der Progressiv funktioniert nur, wenn der Fokus weg vom Zustandswechel und hin zur Handllung verschoben wird. Das Schiff ist am Sinken betont also den Vorgang des Sinkens, das noch unterbrochen werden könnte.

Die Fokusverschiebung wird bei Verben, die einen plötzlichen Zustandswechsel beschreiben (achievements), noch deutlicher. Ein solches Verb ist z.B. einschlafen. Einschlafen impliziert wie sinken mehrere Phasen: eine Phase des Wachseins, die Phase des Einschlafens und schließlich die Schlafphase. Anders als bei sinken ist die Phase des Einschlafens jedoch abrupt. Durch den am-Progressiv wird auf die Phase des Einschlafens fokussiert: ich war am Einschlafen. Wie bei sinken erkennt man den Fokuswechsel daran, dass noch offen bleibt, ob man auch wirklich in die Phase des Schlafens kommt oder das Einschlafen unterbrochen wurde. Außerdem wird die Phase des Einschlafens durch den Fokus sprachlich gedehnt: Es geht nicht mehr um ein punktuelles Einschlafen, sondern um das allmähliche Einschlafen (Augen fallen zu, der Atem wird tiefer). Aufgrund dieser Fokusverschiebung und Verlängerung sind achievements ursprünglich nicht so gut geeignet für Progressivformen, aber der am-Progressiv hat sich schon so weit entwickelt, dass er recht gut mit den achievements genutzt werden kann.

Damit bleibt noch eine letzte Verbgruppe und diese verträgt sich nicht gut mit dem am-Progressiv. Es handelt sich um Verben, die einen Zustand beschreiben (states), z.B. wissen. Hier kann man nicht auf den Verlauf fokussieren, denn ein Zustand ist entweder vorhanden oder nicht. Ich bin am Wissen klingt deswegen komisch. Das ist übrigens auch im Englischen so: I’m knowing funktioniert genauso schlecht wie Ich bin am Wissen. Deswegen ist übrigens auch der Werbespruch I’m loving it so auffällig: Lieben ist wie wissen ein state und funktioniert als solcher eigentlich nicht im present progressive.

Aber auch im Deutschen lassen sich Ausnahmen finden: Blühen ist ein state, aber da Blumen auch verblühen können, ist dieser state irgendwann vorbei. Deswegen kann man hier doch auf den Verlauf fokussieren und wunderbar sagen: Schau mal, die Blumen sind am Blühen.

Der am-Progressiv im Überblick

Wir halten fest: Der am-Progressiv fokussiert auf den Verlauf und ist deswegen besonders gut mit Verben nutzbar, die eine Handlung ausdrücken (lachen, arbeiten). Aber auch Verben, die einen Zustandswechsel beschreiben (sinken, einschlafen), funktionieren im am-Progressiv. Dann wird die Phase des Zustandswechsels fokussiert. Über den am-Progressiv gibt es noch viel mehr zu sagen, zum Beispiel ist er in einigen deutschsprachigen Regionen sehr viel beliebter als in anderen, aber das machen wir dann in einer oder zwei weiteren Zwiebeln.

Zum Weiterlesen:

Flick, Johanna (2016): Der am-Progressiv und parallele am V-en sein-Konstruktionen. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 138/2, 163-196.

Kuhmichel, Katrin und Johanna Flick (2013): Der am-Progressiv in Dialekt und Standardsprache. In: Vogel, Maria (Hrsg.): Sprachwandel im Neuhochdeutschen. Jahrbuch für germanistische Sprachgeschichte, 4. Berlin/Boston: de Gruyter, 52–76.

5 Kommentare zu „Ich bin gerade am Einkaufen – der am-Progressiv

  1. Sehr schön 😊 Dazu hab ich vor langer Zeit mal eine Seminararbeit geschrieben… Mir scheint, in Schweizer Dialekten ist der am-Progressiv verbreiteter als im Standarddeutschen und die Grammatikalisierung etwas weiter fortgeschritten, z.B. auch mit mehreren Satzgliedern dazwischen (Sie isch mit ihm über d Ferie am Rede „Sie ist mit ihm über die Ferien am Reden“) oder im Passiv (Es Huus isch am baut werde „Das Haus ist am gebaut werden“ – holprig, aber durchaus zu hören). Würde mich sehr interessieren, ob sich diese Einschätzung bestätigen lässt…

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar 🙂 Ja, da hast du vollkommen recht! Die Schweiz ist ganz vorne dabei beim am-Progressiv. Das sieht man, wie du ja auch schreibst, daran, dass der am-Progressiv auch Objekte zulässt, das geht in den meisten Gegenden noch nicht so gut. Neben der Schweiz ist der am-Progressiv auch in der Kölner Gegend sehr beliebt.

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    1. Danke für die Frage! Da hast du völlig recht, der am-Progressiv ist gar nicht neu. Erste Belege dafür können wir schon im 16. Jahrhundert finden! Wir haben es also mit einer alten Konstruktion zu tun, die sich aber immer noch am Entwickeln ist 🙂

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