Pragmatik

Mit Worten die Welt verändern – performative Verben

Dass Linguist_innen Wörter gerne einteilen, haben wir in der Reihe über Wortarten bereits gesehen. Aber wir gehen häufig sogar noch weiter mit den Einteilungen. Die große Gruppe der Verben kann man beispielsweise auf viele Arten in weiter unterteilen. Wenn man betrachtet, wie sie flektieren, kann man zum Beispiel starke und schwache Verben unterscheiden. Eine der meiner Meinung nach interessantesten Arten, Verben aufzuteilen, kommt aber aus dem linguistischen Teilbereich der Pragmatik, die sich damit beschäftigt, wie Sprache verwendet wird: Hier steht eine Gruppe von Wörtern, zu denen unter anderem versprechen, bitten, taufen und warnen gehören, dem Rest der Wortart gegenüber. Was diese vier Verben (und viele weitere) gemeinsam haben und wie man mit ihnen die Welt um uns herum verändern kann, erfahrt ihr in diesem Artikel über performative Verben.

Damit wir uns vor Augen führen können, was die Gruppe der performativen Verben so besonders macht, werfen wir am besten einen Blick auf die Verben, die nicht dazu gehören. Ein paar Beispiele für nicht-performative Verben sind gehen, arbeiten und hassen. Diese Verben sind sehr verschieden, doch sie haben eines gemeinsam: Sie beschreiben einen Zustand oder eine Handlung, die man ausführen kann. Das unterscheidet sie von den oben genannten performativen Verben.

Auch versprechen, bitten, taufen und warnen beschreiben zwar genau genommen Handlungen. Aber mit einem ganz bedeutenden Unterschied: Sie beschreiben die Handlungen nicht nur, sondern durch die Verwendung dieser Verben in einem Satz werden die beschriebenen Handlungen direkt ausgeführt. Solche Sätze, die ein performatives Verb enthalten und so verwendet werden, dass sie die beschriebene Handlung ausführen (welche Begleitumstände dafür manchmal nötig sind, klären wir weiter unten), nennt man performative Sprechakte.

Beispiele für performative Sprechakte

Weil das etwas abstrakt klingt, nehmen wir uns ein Beispiel vor. Wenn ein_e Richter_in zum Abschluss eines Gerichtsverfahrens sagt: „Ich verurteile Sie zu einer Haftstrafe von 2 Jahren und 3 Monaten“, dann ist der_die Angeklagte zu einer Haftstrafe von 2 Jahren und 3 Monaten verurteilt. Mit diesem einen Satz verändert sich die Lebenswirklichkeit der betroffenen Person sehr stark.

Es geht aber auch weniger drastisch: Wenn mein Bruder Geburtstag hat, kann ich auf seine Karte „Ich wünsche dir alles Liebe und Gute zum Geburtstag“ schreiben und der Wunsch ist geschehen. Oder stellen wir uns vor, dass in einem Horrorfilm eine Figur zur anderen „Ich warne dich: Geh bloß nicht nach Anbruch der Dunkelheit in den Todeswald!“ sagt. Dann genügt uns das vollkommen als Warnung. Es ist nicht nötig, zusätzlich laut „Warn! Warn!“ zu rufen oder einen besonderen Warntanz aufzuführen (auch wenn das sicherlich nicht schaden würde).

Im Gegensatz dazu genügt es bei nicht-performativen Verben nicht, sie in einem Satz zu gebrauchen, damit sie ausgeführt werden. Nur weil ich beim Betrachten von Katzenbildern im Internet „Ich arbeite sehr fleißig“ vor mich hinmurmele, macht es das leider nicht wahr. Und wer hat nicht schon einmal auf einer Party „Ich gehe dann jetzt“ gesagt, nur um dann doch noch eine Stunde zu bleiben? Die beiden Verben gehen und arbeiten sind nicht-performativ und verlangen deshalb immer noch nach tatsächlicher Ausführung der beschriebenen Handlung. Das kann man auch ganz schön an diesem Satzpaar sehen:

  • Ich plane, dir zu deinem nächsten Geburtstag ein Pony zu schenken.
  • Ich verspreche, dir zu deinem nächsten Geburtstag ein Pony zu schenken.

Im Prinzip beschreiben diese beiden Sätze den gleichen Sachverhalt: Ein_e Sprecher_in beschreibt die Absicht, einer angesprochenen Person in der Zukunft ein Pony zu schenken. Der erste Satz ist nicht-performativ, sondern eine reine Beschreibung der geplanten Zukunft. Ob der Inhalt des Satzes tatsächlich der Wahrheit entspricht, wird sich erst noch herausstellen. Weil der zweite Satz mit versprechen ein performatives Verb enthält, ist er hingegen automatisch wahr. Auf Satz 1 könnte jemand erwidern: „Das stimmt doch gar nicht! Du hast mir erzählt, dass du schon einen Gutschein für einen Kuchen besorgt hast.“ Satz 2 kann man so nicht verneinen: „Das stimmt nicht! Du hast das nicht versprochen!“, ist keine sinnvolle Antwort darauf, dass jemand etwas verspricht. Man kann die Absicht anzweifeln, dass eine Person plant, ein Versprechen einzuhalten – aber am Versprechen selbst lässt sich nicht rütteln.

Gelingensbedingungen

Performative Verben brauchen besondere Bedingungen, um zu funktionieren. Dazu gehört, dass sie von autorisierten Personen in angemessenen Umständen geäußert werden müssen. „Du versprichst, mir zu meinem nächsten Geburtstag ein Pony zu schenken“, ist zum Beispiel nicht-performativ, weil ich nicht dazu autorisiert bin, jemand anderen zu einem Versprechen zu verpflichten. Der Satz kann als Aufforderung bzw. Anweisung funktionieren, aber damit das Versprechen gilt, muss es vom Gegenüber entsprechend umformuliert wiederholt werden: „Ja, das verspreche ich dir, wenn du mich so lieb bittest.“ Das Ganze funktioniert auch in der Mehrzahl, wenn sich Menschen gegenseitig Dinge versprechen oder ewige Treue schwören. Aber auch in der Mehrzahl sind performative Verben so eingeschränkt, dass sie den_die Sprecher_innen mit beinhalten müssen. Allgemein kann man sagen, dass performative Sprechakte nur in der 1. Person funktionieren, also in der Ich– oder der Wir-Form.

Außerdem müssen performative Sprechakte in der Gegenwartsform formuliert sein. Wenn ich vergessen habe, meinen Studierenden zu sagen, wann sie ihre Prüfung schreiben, genügt es nicht, am Tag der Klausur zu verkünden: „Ich habe Sie letzte Woche daran erinnert, dass sie heute Ihre Prüfung schreiben müssen.“ Mit Worten kann man die Vergangenheit nicht verändern, nur die Gegenwart (und damit die Zukunft). „Ich erinnere Sie hiermit daran, dass Sie nächste Woche Ihre Klausur schreiben“ ist hingegen ein guter performativer Sprechakt.

Überhaupt ist das Einbauen von hiermit ein guter Test, um herauszufinden, ob ein Verb in einem bestimmten Satzzusammenhang performativ verwendet wird. „Ich kündige hiermit meinen Mitvertrag zum 30.04.2022″ ist also ein performativer Satz – „Ich bekomme hiermit ein Pony geschenkt“ nicht.

Die amtlichen Auswirkungen performativer Verben

Manchmal ist es auch nötig, bestimmte außersprachliche Voraussetzungen zu erfüllen, um einen performativen Sprechakt ausführen zu können. Nur bestimmte kirchliche Würdenträger_innen können zum Beispiel verbindlich taufen. Wenn Kinder im Spiel einen Teddybären taufen, hat dies hingegen keine rechtlichen Auswirkungen. Auch die Eheschließung geschieht in der Regel durch einen performativen Sprechakt (Ich erkläre Sie hiermit zu…). Ein noch krasseres Beispiel mit größtmöglichen Auswirkungen ist die Erklärung von Kriegen. Auch wenn es schon wochenlang bewaffnete Gefechte gegeben hat, wird ein Konflikt erst dann zu einem Krieg, wenn eine befugte Person (normalerweise ein Staatsoberhaupt) ihn zu einem solchen erklärt.

Dass zu diesen zuletzt aufgezählten Verben in der Regel zusätzlich begleitende Handlungen vollzogen werden, macht sie nicht weniger performativ. Dies ist vielmehr ein Zeichen dafür, wie stark diese sprachlichen Rituale formalisiert sind. Außerdem ist es nur verständlich, dass für offizielle Akte wie eine Taufe oder Eheschließung auch ein schriftlicher Nachweis für die zukünftige Bezugnahme angefertigt wird. Amtliche Briefe strotzen oftmals nur so von performative Sprechakten, weil sie häufig genau dazu da sind, eine Person entsprechend der gesetzlichen Bestimmungen zu erinnern, zu warnen, in Kenntnis zu setzen oder ihr zu gratulieren. Dem wiederum kann man dann rechtskonform widersprechen oder zustimmen.

Performative Verben sind damit ein wichtiger Bestandteil unserer täglichen Lebenswelt – und sie sind zahlreicher, als man denken mag. Wer sich einmal bewusst gemacht hat, dass es sie gibt, wird sie überall finden. John Austin, der das Konzept der performativen Verben in seinem Buch „How to do things with words“ erklärt hat, spricht davon, dass eine Sprache wie das Deutsche mehr als 10.000 solcher Verben hat. Ich verspreche euch, dass sie auch euch jetzt häufiger auffallen werden, bitte euch, die Augen und Ohren nach ihnen aufzuhalten und wünsche euch dabei viel Spaß!

Zum Weiterlesen:

How to Do Things with Words. The William James Lectures delivered at Harvard University in 1955. Postum herausgegeben von James O. Urmson u. Marina Sbisa. Zweite, verbesserte Auflage Harvard University Press, 1975 [1. Auflage Clarendon Press, Oxford 1962].
Deutsche Ausgabe: Zur Theorie der Sprechakte. Deutsche Bearbeitung von Eike von Savigny. Reclam, Stuttgart 2002.

YouTube-Video von dem Kanal von Alexander Lasch (2018): Linguistik in 60 Sekunden — #039 Performative Verben. https://www.youtube.com/watch?v=1JhizGiSHpQ. Gesehen am 23.12.2019.

Wikipedia-Artikel zu „Aktionsart“: https://de.wikipedia.org/wiki/Aktionsart. Gesehen am 23.12.2019.

Ein Kommentar zu „Mit Worten die Welt verändern – performative Verben

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.