Allgemein · Sprachen lernen

Wie erkennen Kinder Wörter?

Wann beginnt ein Kind Sprache zu lernen? „Ab dem ersten Wort“ wäre eine naheliegende Antwort, denn vorher kommuniziert das Kind zwar durch Körpersprache und Lachen oder Weinen, aber eben nicht durch Wörter. Tatsächlich passiert aber schon ganz viel  hinter den Kulissen, bevor ein Kind das erste Wort sagt. Um das erste Wort zu sprechen, muss ein Kind nämlich erst einmal etwas ganz Grundsätzliches beherrschen: Erkennen, wo ein Wort anfängt, und wo es aufhört. Wie ein Kind das macht und woher wir wissen, dass es das macht, schauen wir uns heute mal näher an.

Vorab eine andere grundlegende Frage: Wieso muss ein Kind überhaupt lernen, Wortgrenzen zu erkennen? Für uns scheint es doch recht klar zu sein, wo ein Wort endet. Im Geschriebenen kann man Wörter ja auch recht leicht erkennen: Ein Leerzeichen trennt sie in der Regel voneinander. (Ausnahmen gibt’s da natürlich auch, wie bspw. das Wort gibt’s, aber dazu ein andermal mehr). Leider machen wir im Gesprochenen aber keine Pause zwischen den Wörtern. Daskannmansichsovorstellenalswürdemaneinfachwörterohneleerzeichenschreiben. Das ist weit schwieriger zu entziffern und die einzelnen Wörter natürlich auch schwerer zu erkennen. Ihr kennt das vielleicht auch, wenn ihr eine Sprache hört, die ihr nicht versteht: Sie scheint keine Struktur zu haben, alles scheint ineinander zu fließen. Das liegt daran, dass man die Struktur einer Sprache, die man nicht spricht, eben (noch) nicht kennt und deswegen auch nicht heraushören kann. Es ist also sehr wichtig, Wortgrenzen zu erkennen, um eine Sprache zu lernen. Wie findet ein Kind also heraus, wo ein Wort anfängt und wo es endet?

Kinder sind kleine Statistikgenies. Acht Monate alte Kinder haben ein Gespür dafür, welche Lautabfolgen in ihrer Erwerbssprache häufig vorkommen und welche selten. Mit diesem Wissen können sie Wortgrenzen erkennen. Wenn ein Kind Kleines Mäuschen hört, könnten theoretisch nicht nur kleines und Mäuschen je ein Wort sein, sondern z. B. auch esmäus. Warum denkt das Kind aber nicht, dass esmäus ein Wort ist? Die Antwort liegt in der Häufigkeit von Silbenabfolgen: Die Silbe klei kommt im Deutschen vor allem am Anfang von Wörtern vor und kann somit nur von relativ wenig Silben gefolgt werden: klei-nes, klei-ne, kleiner, Klei-der, Klei-ster, Klei-dung. Die Wahrscheinlichkeit, dass auf klei also bspw. nes folgt, ist also relativ hoch. Nach nes (wie in kleines) können jedoch alle möglichen Wörter und damit alle möglichen Silben anschließen (kleines Haus, kleines Auto, kleines Fenster, kleines Mäuschen) und somit ist hier die Wahrscheinlichkeit dafür, dass auf die Silbe es die Silbe Mäus folgt, sehr viel geringer. Die unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten für Lautabfolgen sind somit ein wunderbarer Anhaltspunkt, um Wörter zu bestimmen: Ist die Abfolgewahrscheinlichkeit hoch, befinde ich mich vermutlich noch in einem Wort, ist sie gering, fängt vermutlich ein neues Wort an.

Das klingt ziemlich kompliziert und vielleicht fragt ihr euch, woher wir denn wissen wollen, dass acht Monate alte Kinder Wahrscheinlichkeiten für Lautabfolgen bestimmen können. Schlaue Leute haben sich dafür ein gut durchdachtes Experimentdesign ausgedacht, das „head turn paradigm“ (also wortwörtlich „Kopf-Dreh-Paradigma“) genannt wird. Das Kind sitzt dabei in einem Raum auf dem Schoß einer Bezugsperson und links und rechts von ihm sind Lautsprecher angebracht. Das Kind hört stets eine Lautabfolge aus einem der Lautsprecher. Jetzt kommt der Witz dieses Verfahrens: Kinder drehen sich zu einer Geräuschquelle hin, wenn sie zuhören. Man nimmt also an, dass Hingucken Zuhören bedeutet. Ihr kennt das vielleicht auch selbst: Es ist häufig schwieriger, zuzuhören, wenn man nicht weiß, woher eine Stimme kommt.  Die Zeit, in der das Kind zuhört bzw. hinguckt wird jeweils gemessen. Durch den Wechsel zwischen linkem und rechtem Lautsprecher kann man die Anfangsphase des Zuhörens (durch Kopfhindrehen) recht gut bestimmten.

Den Kindern werden nun unterschiedliche Dinge vorgespielt, um zu testen, ob sie erkennen, dass es sich um unterschiedliche Dinge handelt. Nehmen wir mal an, dem Kind wird einmal Hund vorgespielt und einmal Katze. Wir wollen wissen, ob die Kinder merken, dass es unterschiedliche Wörter sind. Dann würden wir in einem head turn paradigm Kindern erst einmal nur einen Stimulus (z.B. Hund) vorspielen. Das ist die sogenannte Eingewöhnungshase. In der Testphase würden wir neben Hund auch Katze vorspielen und messen, ob es Unterschiede in der Guckzeit gibt. Wenn das der Fall ist, können wir annehmen, dass das Kind einen Unterschied zwischen den vorgespielten Wörtern macht. Dabei kann es sein, dass es bei Hund länger guckt, weil es den Input schon kennt, aber auch, dass es bei Katze länger guckt, weil das der neue (und somit spannendere) Input ist.

Das hängt häufig davon ab, wie lange die Eingewöhnungssphase ist. Oft finden Kinder den neuen Input spannend, wenn die Eingewöhungsphase recht lang war. Bei einer kurzen Eingewöhnung tendieren sie dagegen eher dazu, beim alten Input länger zu schauen. Dabei geht es natürlich oft nur um wenige Sekunden, hier sind also statistische Tests nötig, um zuverlässige Aussagen über Unterschiede zwischen den Guckzeiten zu treffen. Außerdem braucht man viel Geduld: Man liest in Artikeln zu Erstpracherwerb häufig, dass die Daten einiger Proband_innen aufgrund von Weinen oder Einschlafen doch nicht genutzt werden konnten.

Gut, jetzt wissen wir, wie man Infos von Kindern bekommt, die noch nicht sprechen können. Übrigens ist die Grenze von acht Monaten nicht willkürlich gesetzt. Sehr viel früher kann man das head turn paradigm leider nicht nutzen, da das Kind seinen Kopf logischerweise bereits selbst halten können muss, damit der Versuchsaufbau funktioniert. Um nun herauszufinden, ob Kinder Wortgrenzen anhand von Abfolgewahrscheinlichkeiten feststellen können, hat man Kindern eine Kunstsprache vorgespielt. Die Sprache bestand aus vier möglichen „Wörtern“: pabiku, tibudo, golatu und daropi. In der Eingewöhnungsphase wurden den Kindern die Wörter in zufälliger Reihenfolge vorgespielt.  In der Testphase kamen neben den vorher gespielten Wörtern dann auch die Wörter tudaro und pigola vor. Diese können in der Eingewöhnungsphase nur an Wortgrenzen vorkommen (tudaro in golatu daropi, pigola in daropi golatu).

Das heißt: Basierend auf dem zuvor Gehörtem sind die Lautabfolgen in tudaro und pigola wenig wahrscheinlich, da sie in der Eingewöhnungsphase nur an den Grenzen von Wörtern vorkamen. Deswegen ist zu erwarten, dass die Kinder diese neuen Wörter anders behandeln, wenn sie auf die Wahrscheinlichkeit von Lautabfolgen achten. Genau das ist auch der Fall: Die Kinder hören bei den neuen Wörtern (mit unwahrscheinlichen Lautabfolgen) länger zu als bei den alten Wörtern (mit wahrscheinlichen Lautabfolgen). Somit können wir davon ausgehen, dass Kinder feststellen können, wie wahrscheinlich Lautabfolgen sind und die Wahrscheinlichkeit als Hinweis für Wortgrenzen nutzen können.

Spracherwerb beginnt also keineswegs mit dem ersten Wort, denn davor ist schon ganz schön viel statistische Arbeit geschehen.

Zum Weiterlesen:

Saffran, Jenny R.; Aslin, Richard N.; Newport, Elissa L. (1993): Statistical Learning in 8-month-old-infants. In: Science 274/5294, 1926-1928.

Saffran, Jenny R. (2003): Statistical Language Learning. Mechanisms and Constraints. In: Current Directions in Psychological Science 12/4, 110-114.

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