Althochdeutsch

Handschriftenfund in Admont (Admonter Fragmente) (aktualisiert!)

Juchu, Althochdeutsch in den Medien! Am Freitag wurde bekannt, dass 2012 in dem österreichischen Benediktinerstift Admont Fragmente einer Handschrift gefunden wurden, die zu den ältesten deutschen Texten gehört, die bisher bekannt sind. Sie wird auf die Zeit um 800 datiert und ist ein Teil eines lateinisch-althochdeutschen Wörterbuchs.

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Die neu entdeckten Admonter Fragmente

Der Handschriftenexperte Martin Haltricht hatte laut Spiegel Online die Handschrift zufällig in der Fragmentesammlung gefunden, als er wegen hebräischer Handschriften im Kloster Admont war. Er stieß auf zwei sehr alte Blätter mit Text in lateinischer und deutscher Sprache. In den letzten fünf Jahren haben nun allerhand Germanist_innen und Handschriftenexpert_innen daran gearbeitet, diesen Fund zu verifizieren und mehr darüber zu erfahren, was genau es mit diesen Admonter Fragmenten auf sich hat.

Auf den gefundenen Schriftstücken befinden sich jeweils drei Spalten: In der ersten und zweiten Spalte stehen lateinische Wörter und ganz rechts ihre althochdeutsche Übersetzung – ein Wörterbuch also! Man nimmt an, dass es sich bei den Admonter Fragmenten um Teile einer Abschrift des sogenannten Abrogans handelt.

Der Abrogans ist ein lateinisch-althochdeutsches Glossar, d.h. ein Synonymwörterbuch. Der Name kommt von dem ersten Eintrag: „Abrogans – dheomodi“ (‚bescheiden, demütig‘). Es ist das älteste deutsche Buch, das bisher gefunden wurde; die Urfassung wird auf die Zeit um 770 datiert. Bisher sind vier Fassungen bekannt, die nicht alle vollständig sind. Die neuen Fragmente bilden den bisher kleinsten bekannten Ausschnitt.

Woher genau die Admonter Fragmente stammen, ist noch nicht gesichert. Man hat die Schriftstücke um das Jahr 800 datiert, das Kloster, in dem sie gefunden wurden, ist aber erst 1074 gebaut worden. Bei der Datierung helfen den Handschriftenexpert_innen zum Beispiel die Tinte, das Schreibmaterial und die Form der Buchstaben, die verwendet wurde. Spiegel Online berichtet, dass der Text mit Eisengallustinte auf Pergament aus Kalbshaut geschrieben wurde. Beides sind Hinweise darauf, dass es sich um Schriftstücke aus dem Frühmittelalter handelt. Die Schrift besteht nur aus Kleinbuchstaben, es handelt sich dabei um die sogenannte Karolingische Minuskel, die seit der Mitte des 8. Jahrhunderts verwendet wurde. Auch aus der Art wie das kleine a geschrieben wurde, können die Forscher_innen etwas über das Alter des Schriftstücks ablesen: Es besteht nicht mehr aus zwei <cc>, die dicht nebeneinander geschrieben werden, sondern es wird tatsächlich als <a> geschrieben.

Dass es sich bei dem neuen Fund um einen Abrogans handelt, macht die Entzifferung natürlich viel einfacher, als wenn es sich um ein Gedicht gehandelt hätte. Weil wir nämlich genau wissen, was die lateinischen Wörter bedeuten, können wir sofort sagen, was die althochdeutschen Wörter heißen. Bei einem anderen Text wäre das sicher nicht so einfach, weil wir nicht so einfach wissen könnten, was der Text bedeuten soll. Hier ist nicht so viel Detektivarbeit nötig.

Bis wir genau wissen, welche Bedeutung die Admonter Fragmente tatsächlich für die Germanistik haben und ob sie wirklich, wie von einigen angenommen wird, von Karl dem Großen in Auftrag gegeben wurden, wird es sicher noch eine Weile dauern. Ein toller Fund sind die Schriftstücke aber sowieso: Für historische Germanist_innen ist es immer von großer Bedeutung, wenn noch mehr althochdeutsche Texte gefunden werden, die uns mehr darüber verraten können, wie zu der damaligen Zeit geschrieben und gesprochen wurde. Germanisten aus Wien und Saarbrücken koordinieren laut Spiegel Online die weitere Untersuchung der Handschriften. 2018 sollen die Ergebnisse dann wissenschaftlich veröffentlicht werden. Wir dürfen gespannt sein, was bis dahin noch alles herausgefunden werden kann.

Edit: Herr Haltrich war so freundlich, uns Fotos der gefundenen Fragmente zur Verfügung zu stellen. Auch an dieser Stelle noch einmal vielen Dank nach Wien!

 

 

Zum Weiterlesen:

Ausführlicher (kostenpflichtiger) Artikel bei Spiegel Online: http://www.spiegel.de/spiegel/kloster-admont-1200-jahre-altes-dokument-in-deutscher-sprache-entdeckt-a-1147396.html

Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger: http://www.ksta.de/panorama/kloster-in-oesterreich-forscher-entdecken-aeltestes-schriftstueck-auf-deutsch-26892578

Artikel in Welt Online: https://www.welt.de/kultur/article164539142/Das-aelteste-deutsche-Buch-hat-zwei-neue-Seiten.html

Blogeintrag bei Archivalia: http://archivalia.hypotheses.org/64913

Wikipediaartikel zum Abrogans: https://de.wikipedia.org/wiki/Abrogans

Wikipediaartikel zur Karolingischen Minuskel: https://de.wikipedia.org/wiki/Karolingische_Minuskel

Abrogans im Handschriftencensus: http://www.handschriftencensus.de/werke/728

Digitalisat der St. Galler Handschrift: http://www.e-codices.unifr.ch/en/csg/0911/4

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