Allgemein

Warum die Sprache eine Zwiebel ist

Wenn Linguist_innen über Sprachen sprechen, tun sie das meist nicht ganz allgemein, sondern immer auf bestimmte Ebenen bezogen:

  • Wenn wir uns die Laute einer Sprache anschauen, sind wir auf der Ebene der Phonetik und Phonologie. Dabei fragen wir uns auch, wie man Laute möglichst genau schriftlich wiedergeben (transkribieren) kann. Aus die Zwiebel wird dann [di:.t͡svi:.bl̩]!
  • Wenn wir uns die Wörter einer Sprache genauer anschauen, sind wir auf der Ebene der Morphologie. Da interessiert uns beispielsweise, was passiert, wenn man Wörter in den Plural setzt. Im Deutschen ist eine Menge los: Die Zwiebelviele Zwiebeln, das Autoviele Autos, das Huhnviele Hühner. Insgesamt kennt das Deutsche ganze neun Wege, Substantive in den Plural zu setzen!
  • Wenn wir uns anschauen, wie Wörter aneinander gereiht werden, befinden wir uns auf der Ebene der Syntax. Hier fragen wir uns beispielsweise, warum man sagen kann Die Katzen sitzen auf dem Baum, aber nicht *Die Katzen auf dem Baum sitzen.
  • Wenn wir uns den Wortschatz einer Sprache genauer anschauen, sind wir auf der Ebene der Lexik. Hier interessiert uns, welche Wörter es in einer Sprache gibt, die beispielsweise in einer anderen Sprache keine Entsprechung haben. Zum Beispiel beneidet man Deutschmuttersprachler_innen gerne um die Schadenfreude, denn dieses Wort gibt es in anderen Sprachen nicht. Das heißt natürlich nicht, dass andere Sprachen das Konzept nicht ausdrücken können, sie brauchen halt nur ein paar mehr Wörter dafür als das Deutsche. Mehr Beispiele für singuläre Wörter finden sich hier und außerdem hier die Meinung eines Übersetzers dazu.
  • Wenn wir die Namen in einer Sprache genauer anschauen, dann sind wir auf der Ebene der Onomastik. Hier beschäftigen wir uns beispielsweise Namengebungstrends.
  • Wenn wir uns anschauen, wie Sprache in Aktion funktioniert, dann sind wir auf der Ebene Pragmatik. Hier interessiert uns beispielsweise der Wandel des Siezens und Duzens im Deutschen. Während es in den Sechzigerjahren unter Studierenden in Deutschland noch üblich war, sich zu siezen, hat sich dies mittlerweile fundamental gewandelt. Hier hat sich aber nicht die Grammatik gewandelt – beide Formen existieren ja noch – lediglich die soziale Norm hat sich verschoben.

Was haben diese Ebenen jetzt mit einer Zwiebel zu tun? Naja, Zwiebeln bestehen ja aus ganz vielen Schalen und auch die Ebenen der Linguistik sind wie Schalen angeordnet:

Die Pragmatik ist die äußerste Schicht der Zwiebel. Welche Anrede als höflich oder unhöflich gilt, kann sich innerhalb weniger Jahre wandeln und hängt somit stark mit der Gesellschaft zusammen. Wenn sich auf der pragmatischen Ebene etwas ändert, dann ändert sich also eher der Sprachgebrauch, weniger aber das Sprachsystem. Ähnlich verhält es sich eine Schicht unter der Pragmatik: Namentrends wandeln sich schnell und sind stark mit gesellschaftlichem Wandel verbunden.

Auch eine Ebene tiefer – im Wortschatz einer Sprache – geht Sprachwandel relativ schnell vonstatten. Wird etwas erfunden, brauchen wir einen Namen dafür – und schon haben wir ein neues Wort. Diese Wörter werden oft aus anderen Sprachen übernommen: Gerade wird im Deutschen viel aus dem Englischen übernommen, früher waren Fremdwörter aus dem Französischen (Chauffeur, Portemonnaie) und Lateinischen (Mauer < murus, Fenster < fenestra) in. Wie die Beispiele zeigen, wird das Deutsche nicht lateinischer, nur weil es ein paar lateinische Wörter aufgenommen hat, stattdessen haben Sprecher_innen über Jahrhunderte die lateinischen Wörter in das deutsche System integriert, sodass sie heute kaum als Fremdwörter wahrgenommen werden. Ähnliches passierte mit Keks, dessen Ursprung englischer Natur ist: Tatsächlich handelte es sich beim Keks mal um cakes.

Die ersten drei Ebenen (Phonologie, Morphologie und Syntax) sind die tiefsten Schichten in der Zwiebel: Sie bilden zusammen die Grammatik der Sprache und weil sie so tief in der Zwiebel sitzen, verändert sich die Sprache hier nur sehr langsam. Aber auch hier kann Wandel und Variation stattfinden, denn sonst würden wir noch immer vom himil reden, wenn wir den Himmel meinen und wir wären morgens früh aufgewacht, weil Hunde gebollen statt gebellt haben.

Zum Weiterlesen:

Nübling, Damaris/Dammel, Antje/Duke, Janet/Szczepaniak, Renata (2013): Historische Sprachwissenschaft des Deutschen. Eine Einführung in die Prinzipien des Sprachwandels. 4. Auflage. Tübingen: Narr

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2 Kommentare zu „Warum die Sprache eine Zwiebel ist

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